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Sammlung: Claude Anet 2

Lydia Sergijewna Teil 4

1868-1931, Claude Anet

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Savinsky, der auf dem rechten Newaufer wohnte, beschritt die Troitzkibrücke. Dem Leben ringsum schenkte er gar keine Aufmerksamkeit. Die vielen vorbeisausenden Militärautomobile, die links und rechts von Soldaten eskortiert wurden, die auf den vorderen Kotflügeln ausgestreckt, mit dem Gewehr im Anschlag, eine moderne Ausgabe antiker Siegerbilder zu sein schienen, bemerkte er kaum. Nahe bei der Litejnijbrücke gingen Leute zu Fuß über den gefrorenen Fluß. Die Sonne stand schon sehr tief, die Luft war kalt und der Wind eisig. Mit Erstaunen bemerkte Savinsky, daß auf der Peter-Pauls-Festung noch die dreifarbige Reichsflagge wehte.

Nach einer halben Stunde Gehens war Savinsky vor dem großen Gebäude auf dem Prospekt Kamenow-Ostrow angelangt, in dem er wohnte. Seine Frau hatte ihn schon ängstlich erwartet und kaum hörte sie ihn die Wohnungstür öffnen, lief sie in das Vorzimmer, um ihn zu umarmen. Sofie Savinskaja war eine schöne dreißigjährige Frau; sie trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wodurch die Regelmäßigkeit ihrer klassischen Züge noch besonders hervorgehoben wurde und die schöne Stirn mit dem ruhigen Blick der wundervoll großen schwarzen Augen erst richtig zur Geltung kam. Sie hätte in der Gesellschaft die größten Erfolge haben können, wenn sie nicht, gleich ihrem Manne, den sie so liebte, dies verachtet und fast auf jeden Verkehr verzichtet hätte. Man sah sie nirgends; inmitten der freiesten Sitten Europas gaben sie das seltene Beispiel einer Ehe, bei der weder dem Mann noch der Frau das Geringste nachzusagen war. Zu jener Zeit, in die der Beginn dieser Erzählung fällt, hatten sie drei Kinder, den zwölfjährigen Boris und zwei Mädchen von zehn und vier Jahren. Frau Savinsky erwartete für den Herbst ein viertes Kind.

Sie schloß ihren Mann noch zärtlicher als sonst in die Arme und sprach in erregtem Ton: »Was ich für Angst hatte! Wo warst du? Was gibt es Neues?«

Nikolaus Savinsky zuckte mit den Schultern.

»Nichts Gutes, Liebste! Wie du weißt, ist das Militär zum Volk übergegangen.«

»Aber so viel ich hörte, blieb alles ruhig,« sprach sie, ihren Mann in einen kleinen Salon führend. »Gottlob, es ist nirgends Blut geflossen. Wir werden eine neue Regierung bekommen, sicher deinen Freund Lwow, Rodzianko, Miljukow – lauter anständige Männer.«

Die Stirne von Savinsky umwölkte sich; man las die Sorgen aus seinen schönen Zügen. Nur mit Mühe vermochte er zu lächeln, als er seiner Frau erwiderte:

»Liebste Sonja, wir gehen schweren Zeiten entgegen. Kein Mensch kann voraussehen, was der nächste Tag bringt. Du beurteilst dieses Land nur nach deinem Herzen; ich fürchte, du siehst zu rosig. Auf jeden Fall wird die Petersburger Luft für dich und für die Kinder nicht zuträglich sein. Sobald das Tauwetter eintritt, müßt ihr aufs Land fahren. Aber diesmal ins Ausland. Ich werde schon morgen an einen Agenten in Helsingfors schreiben, daß er uns eine Villa in Finnland, nahe bei Wiborg, findet. Dort kann ich euch leicht besuchen. Und wenn es zu arg wird, gehe auch ich über die Grenze. Ich habe genügend Geld im Ausland, wir können dort in Ruhe das Ende der trüben Tage – oder des Sturmes abwarten.«

Jetzt war es an Sofie, die Brauen zu runzeln und eine düstere Miene zu zeigen. Aber sie wußte, daß sie ihrem Mann nicht geradezu widersprechen durfte und begnügte sich mit den Worten:

»Du weißt, daß ich keine ruhige Minute hätte, wenn ich allein fort wäre und dich hier wüßte. Ich käme aus der Angst und den Sorgen nicht heraus und wenn die Zeitungen von Unruhen berichteten, weiß ich nicht, was ich täte.«

»Aber, aber; nur nicht gleich in den schwärzesten Farben sehen! Bisher verlief alles in größter Ruhe und das Ärgste liegt wohl hinter uns ...«

Nikolaus bemühte sich seine Frau zu beruhigen, obgleich sein Herz von düsteren Ahnungen erfüllt war. Die Eindrücke der letzten Zeit waren, obwohl er sich dagegen wehrte, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die Ereignisse der drei letzten Tage besonders, die Kämpfe auf den Straßen, die offene Anarchie, die überall bemerkbar war, hatten in ihm die schwersten Befürchtungen für die Zukunft erweckt. Er konnte die Bilder, die er vor seinen Augen gehabt hatte, nicht aus seinem Gedächtnis löschen und besonders zwei der Szenen, die sich vor ihm abgespielt hatten, lebten noch immer mit furchtbarer Klarheit in ihm.

Eine davon war das Erlebnis vom vorigen Samstag, als er seinen Schlitten erwartend vor dem Hotel Europe stand und die Salve auf dem Newskiprospekt krachte. Diese ersten Schüsse wird er niemals vergessen können, es waren die Vorboten des furchtbarsten aller Kriege, des Bürgerkrieges. Dann das atemlose Hasten der tödlich erschrockenen Menge, die furchtbare Angst, die aus all den verzerrten Gesichtern sprach, das Bild dieser rücksichtslos einander niedertrampelnden Masse, das grauenvoller als alles andere war und schließlich dieses kleine Mädchen, das vor seine Füße geworfen wurde! Wie lieb und jung war doch dieses Kind! Noch sah er das erschrockene Gesicht vor sich mit den flehenden Augen und der ein wenig starken, in der Mitte gespalteten Unterlippe, die so zitterte. Sie war wie ein armes, kleines, angeschossenes Vöglein, dessen Herz in seiner Hand mit angstvollen Schlägen hämmerte, als er es aufhob.

Wie viele zarte Körper werden in diesem Kampf verbluten dachte er damals und dieser Eindruck war so stark gewesen, daß er ihn nicht vergessen konnte.

Das zweite Erlebnis, das nicht verblassen wollte, stammte vom heutigen Tage. Vor dem Wirbel der rotgeschmückten Soldaten, die den Newski entlang strömten, war er in einen Hausflur geflüchtet. Unter den Leuten, die dort Zuflucht gesucht hatten, bemerkte er einen Generalstabsoberst mit den schwarzweißen Achselspangen. Der Mann war nicht mehr jung und hatte jene klugen, durchgeistigten Züge, wie man sie bei Generalstabsoffizieren häufig sah. Er war erschreckend blaß und Savinsky beobachtete, wie bei jedem Schuß ein unmerkliches Zittern durch seine sehnige Gestalt ging. Und er hätte geschworen, daß es nicht Furcht war, die der Oberst empfand; es war ein anderes Gefühl, das ihn übermannte, ein Leiden aus seinem tiefsten Innern geboren ... Später kam noch ein Fähnrich zu den Wartenden herein und ging auf den Oberst zu, mit dem er eine lange, leise geführte Unterredung hatte. Savinsky hatte sich genähert und hörte den Fähnrich sprechen: »Es muß sein, es muß unbedingt sein ... Der kommandierende General des Arsenals wurde eben auf der Litejnij niedergeschossen und allen Offizieren, denen sie begegnen, reißen sie die Abzeichen herunter ...« Der Oberst sagte lange nichts, aber seine Miene war erschütternd. Schließlich zuckte er resigniert mit den Schultern. »Was kann man tun?« Und der Fähnrich begann ihm so zart als möglich, die Achselspangen loszutrennen. Als er zu Ende war überreichte er sie dem Oberst, der sie in seine Tasche gleiten ließ. Savinsky glaubte eine Träne, eine einzige Träne in seinen hellen klaren Augen zu sehen. »Vorwärts!« sagte der Oberst und ging auf die Straße. Savinsky folgte ihm und sah, wie müde und schleppend er dahinschritt, als wäre er um zwanzig Jahre gealtert. –

Savinsky konnte auch diese Szene nicht vergessen und vor seinem Geiste wechselte das Bild des jungen Mädchens, das er von der Straße aufgelesen, mit dem des Oberst, über dessen Achsel sich der Fähnrich beugte. Auch jetzt, als er in dem kleinen Salon seiner Frau hundert beruhigende Gründe aufzählte, standen diese beiden Erlebnisse klar vor seinen Augen und er wußte ganz gut, wie wenig er an seine eigenen Worte glaubte. Es gelang ihm indes seine Frau zu überzeugen und als das Abendessen aufgetragen wurde, bei dem beide ihren Kindern gegenübersaßen, hatte sie ihre Ruhe wiedergefunden. Der aufgeweckte, für sein Alter große Boris, frug mit lebhaften Augen nach den Einzelheiten des Tages. Die Schule, in die er ging, war seit diesem Montag geschlossen, und sein Vater hatte ihm zu seinem größten Schmerz verboten, das Haus zu verlassen. Er wußte von allen Vorgängen nur so viel als die Dienerschaft berichtet hatte und sein kindliches Gemüt war durch deren dramatische Erzählungen stark erregt. Denn nach ihrer Darstellung überflossen die Straßen von Blut, die Hälfte der Truppen war dem Zaren treu geblieben und die sicheren Regimenter würden, von der nahen Nordfront in Eile herangeführt, die Ordnung in der Hauptstadt kämpfend wieder herstellen. Nikolaus hörte den eifrigen Worten seines Sohnes lächelnd zu und aus der Art, wie er ihn betrachtete, war leicht zu erkennen, wie sehr er dieses Kind liebte und wie stolz er auf seinen Buben war. Ruhig stellte der Vater die übertriebenen Schilderungen richtig und setzte seine zuversichtliche Meinung über die weitere Entwicklung des Umsturzes auseinander. Boris aber war damit gar nicht einverstanden.

»Aber Papa, so kann sich das doch nicht abspielen; du glaubst doch selbst nicht daran! Man wird bestimmt kämpfen! Ach, wenn ich groß wäre, würde ich auch ein Gewehr nehmen!« »Für wen?« unterbrach der Vater.

»Für die Freiheit!« rief der Kleine begeistert.

»Ich glaube, Liebling,« sprach Savinsky, »daß es zu keiner Schlacht kommen wird. Niemand will mehr kämpfen.«

Und seine Stimme hatte ohne seinen Willen wieder ihren traurigen, ernsten Ton. –

Sonja verbrachte eine unruhige Woche. Die Ereignisse überstürzten sich derart, daß man an allem irre wurde und ihnen kaum zu folgen vermochte. Nach acht Tagen war nichts mehr von all den Einrichtungen übrig geblieben, die das große russische Reich zusammengehalten und die Ordnung von Archangelsk bis zum Kaukasus und von der Beresina bis zur Küste des Ozeans gestützt hatten. Aber Sonja überblickte das kaum; sie dachte bloß an die Folgen dieser Krise für ihr eigenes Heim. Sie sollte gezwungen werden, sich von ihrem Mann zu trennen, ihn allein in dieser vollständig der Anarchie verfallenen Stadt zurückzulassen! Sie, die in diesem engen Kreis der Familie, in dem Mann und Kinder ihr alles waren, ihr ganzes Glück gefunden hatte! Sie kannte keinen andern Ehrgeiz als diesen Schatz, der ihr gehörte, zu hüten; die politischen Fragen kümmerten sie nicht. Sie verlangte die öffentliche Sicherheit und Ruhe nur zur Aufrechterhaltung ihres häuslichen Glücks.

Aber die Tage verflossen und die Ruhe kehrte nicht wieder. Ebenso wie alle anderen Einwohner Petersburgs aus ihren Kreisen fühlte auch sie, daß man vor einem dunklen gähnenden Abgrund stand. Und bei ihr, wie bei allen anderen, herrschte am Ende dieser ersten Woche, die den endgültigen Zusammenbruch des Kaiserreiches durch die Abdankung des Zaren brachte, wieder nur ein Gefühl – die Angst. Wohl wurde man nicht direkt an seinem Leben oder an seinem Besitz bedroht. Nach den ersten Tagen des Schreckens war die Hauptstadt wieder ruhig geworden. Die Soldaten waren in ihre Kasernen zurückgekehrt, die Offiziere wieder auf ihren Plätzen; in den Theatern wurde wie gewöhnlich gespielt; die Geschäfte waren geöffnet; niemand hatte die Stadt verlassen. Wenn nicht eine aufgeregte Menschenmenge ständig die Straßen überfüllt hätte und an allen Straßenecken und Plätzen begeisterte Versammlungen stattgefunden hätten, wäre das äußere Bild der Stadt kein anderes als sonst gewesen. Aber im Geheimen war die ganze Stadt von einer grenzenlosen Angst beseelt, einer Angst, über die man nicht sprach, die man zu übersehen vorgab, aber der doch alle verfallen waren und die sich doch, wie sehr man sie auch verbarg, durch die allgemeine ungewöhnliche Erregung, durch die nervöse Unruhe, die jeden ergriffen hatte, durch ein erschrecktes Aufblitzen der Augen oder durch ein überlautes Lachen verriet. Diese Angst hatte weniger ihre Ursache in den während der Straßenkämpfe ausgestandenen Schrecken, als in der Ungewißheit über die Ereignisse jedes nächsten Tages. Es schien, als hätte das große Schiff, das die Schätze Rußlands trug mit einem Male Steuer und Bemannung verloren und treibe allein, mit geblähten Segeln auf das stürmische, mit Riffen besäte Meer hinaus ... Der beste Freund Lydias war ihr zwanzigjähriger Vetter Paul Volynski, mit dem sie schon als Kind gespielt hatte. Für ihn gab es, seitdem sie lange Röcke trug, kein größeres Vergnügen, als sich ihr grenzenlos zu unterordnen. Obwohl noch sehr jung, war Paul schon im ersten Kriegsjahr freiwillig eingerückt, wurde 1916 verwundet in ein Petersburger Spital gebracht und lebte seither in der Schule der Junker (Offiziersanwärter), die im Sommerpalast, in dem der Zar Paul I. ermordet worden war, ganz nahe dem Palais seines Onkels Volynski untergebracht war. Bei diesem verbrachte er auch alle seine freien Stunden ... Er war ein großer, schlanker Jüngling, der trotz des Krieges, trotz seiner Verwundung und trotz seiner zwanzig Jahre ein fast kindliches Gesicht behalten hatte, in dem helle, große Augen saßen, blau wie die seiner Kusine. Mancher zärtliche Frauenblick streifte ihn auf der Straße, dann aber beschleunigte er errötend seine Schritte. An diesem ersten Samstag der Revolution kam er zu Lydia zum Mittagessen. Seit dem Umsturz hatte er sie nur selten und flüchtig gesehen und hatte jetzt von den Ereignissen der letzten Woche und all den erregenden Eindrücken, die ihn beschäftigten, zu erzählen.

»Weißt du,« begann er, kaum eingetreten, »der letzte Sonntag war der schrecklichste Tag meines Lebens. Fast hätte ich mich erschossen. Wir hatten Bereitschaft in der Schule; wir wußten genau, was in der Stadt vorging und konnten die Schüsse vom Newski herüber hören und stell dir vor, um ein Uhr verbreitete sich das Gerücht, daß man uns bewaffnet auf die Straße führen werde, um die Polizei zu unterstützen. Ich sah uns schon einen Kordon auf dem Prospekt bilden und vor uns die Arbeiter stehen, die uns zuriefen. Der Offizier forderte sie auf auseinander zu gehen, aber sie kamen immer näher heran. Schon sah ich ihre Augen vor mir, aus denen so gar kein Haß sprach. Es war wie eine unbekannte Gewalt, die sie gegen uns trieb. In diesem Augenblick ertönte das Kommando: ›Setzt an!‹ und da glaubte ich ...«

»Aber Paul,« unterbrach Lydia, die beim Zuhören blaß geworden war, »du warst doch gar nicht auf dem Newski.«

»Aber nein, natürlich war ich nicht dort und was ich dir eben erzählte, ging mir in dem Moment durch den Kopf, als es hieß, daß wir auf die Straße sollten und da sah ich alles das, was unten geschehen würde, so vor mir ... Meine Aufregung war so groß, daß ich mich lieber getötet hätte, als dem Befehl zu gehorchen.«

Er war noch jetzt bei der Erinnerung an den Konflikt, der sich in ihm abgespielt hatte, ganz außer sich.

»Gott sei Dank,« fügte er aufseufzend hinzu, »der Befehl ist dann doch nicht gekommen!« –

Nach Tisch gingen sie aus und erreichten über den Platz vor dem Winterpalais das große Zentrum der Revolution, den Newskiprospekt. Es war nebelig und feucht. Ein gewaltiger Sturm war Freitag über die Stadt gebraust und Haufen frischen Schnees lagen noch in allen Straßen. Aber der Sturm hatte der Winterperiode, unter der die Bewohner Petersburgs furchtbar gelitten hatten, ein Ende gemacht, und wenn es auch noch fror, fühlte man doch schon an vereinzeltem mildem Wehen aufatmend das nahende Tauwetter. Der Newski bot das gewohnte sonntägliche Bild. Ein doppelter Strom von Spaziergängern, die meistens mit der roten Kokarde geschmückt waren, bewegte sich auf den Fußsteigen. Man sah eine unendliche Menge müßig schlendernder Soldaten; es schien fast, als wüßten sie nicht recht, was sie anderes mit ihrer neuen Freiheit beginnen sollten, als die entgegenkommenden Offiziere, die wieder ihre Achselklappen trugen, nicht mehr zu grüßen. Immerhin zeigten sie eine gewisse kindliche Freude. Lydia machte ihren Vetter darauf aufmerksam, der sogleich erwiderte:

»Sie sind zufrieden, weil sie wissen, daß sie nicht mehr in den Krieg müssen.«

»Die Armen, ich kann das gut verstehen.«

Paul, der einen Augenblick sinnend ins Gedränge geblickt hatte, lächelte und sprach munter:

»Du hast Recht, Liebste, in den Schützengräben zu hocken ist kein Vergnügen. – Schau,« fügte er hinzu, indem er auf eine Gruppe Soldaten deutete, von denen jeder einen schweren Sack schleppte, »weißt du, wohin diese Burschen gehen? – Auf den Nikolausbahnhof, um mit dem nächsten Zug in ihre Dörfer zu fahren. Und du kannst sicher sein, daß sie keinen Urlaubsschein verlangt haben. Weißt du, wie man sie schon nennt? Die freiwilligen Urlauber! Ach, wie gerne wäre auch ich so ein freiwilliger Urlauber,« seufzte er. »Wir würden zusammen auf unser Gut fahren, statt daß ich die faden Vorlesungen und Übungen in der Offiziersschule mitmachen müßte. – Wann wird das alles zu Ende sein?«

Sein hübsches Gesicht nahm einen verzweifelten Ausdruck an. In diesem Augenblick ertönten hinter ihnen lärmende Trompeten, die einen Militärmarsch bliesen. Einige Kompagnien eines Regimentes bogen, mit der Musik an der Spitze auf den Newski ein. Paul und Lydia blieben stehen, um ihren Vorbeimarsch zu betrachten und erkannten die Uniformen des Preobraschenskischen Regiments. Das Neue an dem Anblick waren die vielen roten Fahnen, die über den Köpfen der Soldaten wehten und die roten Banner mit weißen Aufschriften, die mitgetragen wurden und auf denen man, was das Überraschendste war, lesen konnte: »Krieg bis zum endgültigen Sieg!« »Vaterland und Freiheit!« Die Soldaten marschierten mit jenem gleichmäßig schweren Tritt, mit dem jedes russische Regiment diesen besonderen Eindruck von gewaltiger, unwiderstehlicher Kraft hervorruft. Die Menge jubelte ihnen zu, ein begeisterter Schwung riß alle mit. Wer hatte auch seit einer Woche noch an den Krieg gedacht? Und nun war er allen wieder gegenwärtig. Diesmal würde es die rote Fahne sein, die Rußland zum Sieg über seine Erbfeinde führt. Lydia klatschte in die Hände, und über das begeisterte Gesicht Pauls liefen Freudentränen.

Warum mußte Lydia gerade in diesem Augenblick hinter sich die zischenden Worte hören:

»Solange es bei großen Worten bleibt, werden wir immer unseren Mann stellen. Ich möchte die Gesichter in dem Regiment sehen, wenn wirklich der Befehl käme, an die Front zu gehen.«

Lydia schien es, als hätte eine kalte Schlange sie gestreift. Sie drehte sich rasch nach dem Sprecher um und erblickte einen jungen Offizier der Gardeartillerie mit hagerem, glattrasiertem Gesicht, mit spitzwinkeligen Brauen, breitem und verbissenem Mund. Sein starrer Blick war kalt und stechend. Er mißfiel ihr unsagbar.

»Dieser Mann ist gräßlich,« sprach sie, »gehen wir.«

Aber sie hatte keine Lust mehr spazieren zu gehen und führte ihren Vetter nach Hause. Sie war verstimmt und einsilbig.

Der junge Artillerieoffizier blickte zur Uhr auf dem Rathausturm, sie zeigte halb fünf. Da ging er, rasch ausschreitend, bis zur Karawanenstraße, in der er, fast gegenüber der Garage der Panzerautos, wohnte. In seinem Zimmer erwarteten ihn zwei junge Leute, der eine war in Offiziersuniform, der andere in Zivil. Zwischen den drei Personen begann sofort eine lange, politische Debatte, deren weitschweifige philosophische Betrachtungen einen europäischen Leser bald ermüden würden.

Der Hausherr, Leo Semeonow Borissowitsch, der eine wissenschaftliche Bildung genossen hatte, gefiel sich darin, seine Reden in sauber voneinander geschiedene Abschnitte zu gliedern, die er in betonter Pedanterie mit »Primo«, »Secundo«, »Tertio« bezeichnete, und dann auch oft in »Groß A«, »Groß B« usw. weiter zerfallen ließ. Er hatte ein ausgesprochenes Rednertalent, sprach klar, eindrucksvoll und mit Lebhaftigkeit. Sein Kamerad, ein Kosakenoffizier von athletischem Körperbau zeichnete, indem er ihm zuhörte, Arabesken und unterbrach ihn jeden Augenblick, bald um eine Erklärung zu verlangen, bald um einen Einwand zu erheben, der stets von Leo Borissowitsch in trockendstem Tone mit drei Sätzen abgetan wurde. Dann pflegte Leo seinem vernichteten Gegner voll Geringschätzung denselben kaltstechenden Blick zuzuwerfen, der eine Stunde früher Lydia so peinlich berührt hatte. Der dritte Anwesende blieb mehr ein stummer Zuhörer. Sein Name, in der Sozial-Revolutionären Partei sehr bekannt, war Andreas Spaßki. Er war einige Jahre in Sibirien, dann im Ausland gewesen. Bei Kriegsausbruch, als er die Erlaubnis erhielt nach Petersburg zurückzukehren, hatte er sich als feuriger Patriot bemerkbar gemacht, hatte aufsehenerregende Reden gehalten und Aufsätze veröffentlicht, in denen er die Meinung vertrat, daß kein Russe während des Krieges einen anderen, als den äußeren Feind kennen dürfe, und daß jeder innerpolitische Kampf ein Verbrechen sei. Er wurde dafür von den im Exil lebenden revolutionären Parteiführern mit Schimpf und Spott überschüttet. Dann war er eingerückt gewesen, hatte Kämpfe mitgemacht und wurde später aus Gesundheitsgründen entlassen. Spaßki war ein Mensch, der wenig sprach, der nichts Bestechendes an sich hatte, aber in dem Ausdruck seines mächtigen Schädels las man eine ungewöhnliche Energie und seine lebhaften Augen flößten Vertrauen ein. Er drückte sich in ruhigen Worten aus; man fühlte, daß seine Meinung sich erst nach reiflicher Überlegung gebildet hatte, und daß man ihn nicht leicht umstimmen könne. Semeonow beendete seine Ausführungen mit folgenden klaren Worten:

»Ich resümiere. – Was haben wir vor uns. Ad A. – Eine ehrliche Regierung, die aus den besten Männern Rußlands zusammengesetzt ist, aus unseren Kadetten, braven Leuten, vorzüglichen Theoretikern, begabten Rednern. Von politischer Erfahrung keine Spur, woher sollten die Armen sie auch haben? In den Semstwos lernt man sie gewiß nicht. Aber auch das würde nichts machen. Ich gebe alles zu, auch daß diese Regierung die besten Eigenschaften der Welt besitzt, aber sie ist – wie die Stute Rolands, die auch das beste Pferd der Welt war – tot! – Wo ist ihre Autorität? – Nirgends! Ihr werdet erwidern, daß sie die moralischen Kräfte des Reiches verkörpert ... In kritischen Zeiten glaube ich aber an keine moralischen Kräfte, nur an die Kraft der Bajonette! Könnt ihr euch Lwow vorstellen, wie er vor dem Winterpalais eine Guillotine errichtet und seine politischen Gegner hinrichtet? Die großen französischen Revolutionäre trafen damit das Richtige. Die Maschine des Dr. Guillotin hat auf der Place de la Concorde nicht gefeiert. Nur so konnte die wilde Kraft der Jakobiner triumphieren und die Trikolore ganz Europa besiegen. – Ad B. – Der Regierung gegenüber stehen die Sowjets, jetzt wohl noch ein Chaos, aber doch erkenne ich schon alle dunklen Kräfte dort, die sich in Rußland jemals regten. In diesen Sowjets findet ihr bei den Sozial-Revolutionären oder bei den Demokraten ebensoviel Talente wie bei den Kadetten. Sicherlich auch hier die gleiche politische Unerfahrenheit, aber ein präziseres Programm, das der großen Masse viel näher liegt als das der Liberalen. Bei gleicher Unerfahrenheit also das bestechendere Programm. Aber was allem den Ausschlag gibt, ist, daß die Sowjets die effektive Gewalt besitzen, da sie die Bajonette der Soldaten beherrschen, die die Revolution gemacht haben. Dagegen gibt es keine Einwände. Ich schließe mich der Macht an. Ich habe mich von meiner Kompagnie als ihr Vertreter in die Sowjets delegieren lassen. Dort allein liegt die Zukunft, dort werde ich arbeiten!«

Die Stimme des Sprechers hatte die letzten zwei Sätze mit besonderer Wucht bekräftigt. Dann wurde es still, auf lange still. Spaßki folgte mit seinen Augen Semeonow, der in großer Erregung im Zimmer auf- und abging, denn wahrlich dieser Entschluß, der den ehemaligen Gardeoffizier zu dem Arbeitersowjet Petersburgs führte, war ein sehr ernster Schritt!

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  • Text-ID 3507
  • Hinzugefügt am 21. Jan 2014 - 15:49 Uhr

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Einsteller: sophie-clark

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1 Kommentar

  1. sophie-clark

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    17. Sep 2016 - 18:50 Uhr

 

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