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Sammlung: Friedrich von Dincklage

Anker geschlippt Teil 1

o. J., Friedrich von Dincklage

 Titelverzeichnis auf eigenmensch.as von A-Z

 

Geschichte eines Marineoffiziers

Aus den Schloten der »Vierlanderin«, eines jener prächtigen Dampfer der Hamburg-Amerikanischen-Paketfahrt Aktiengesellschaft, stiegen die dicken Rauchwolken zum klaren Morgenhimmel hinauf. Die Vierlanderin gehörte zu jener Klasse von Schiffen, die den Elbstrom hinaufdampfen und am Kai festmachen konnten, während die mächtigen Kolosse der neuesten Zeit bei Brunshausen zu Anker gehen müssen. Schon war das zweite Signal zur Abfahrt gegeben, und alle diejenigen, welche die Fahrt über den Ozean nicht mitzumachen beabsichtigten, beeilten sich, von Bord zu kommen – nach einem letzten Scheidekusse unter Tränen, nach kräftigem Händedrucke mit dem Wunsche »gute Fahrt« oder auch ohne irgend welche Gefühlsäußerung mit ernster Geschäftsmiene.

Die Abschiedsszenen waren beendet. Das Deck blieb dicht gefüllt mit Reisenden beider Geschlechter und jeglichen Alters. Lud doch der sonnige Märzmorgen ein, im Freien zu bleiben, während der herrlichen Elbfahrt.

Schon standen die Matrosen bereit, auf ein Zeichen des ersten Offiziers die mächtigen Trossen, mit denen die Vierlanderin am Kai festgemacht war, loszuwerfen, schon war die deutsche Flagge vorgeheißt, und eben wollte Kapitän von Delden die Treppe zur Kommandobrücke betreten, um durch ein kurzes Befehlswort in das Sprachrohr zum Maschinenraum das mächtige Fahrzeug in Bewegung zu bringen, als noch zwei Männer das Deck betraten. Des Seemanns geübter Blick erkannte sogleich, daß er nicht etwa verspätet eintreffende Passagiere vor sich habe.

»Sie wünschen, meine Herren?« fragte er kurz.

Nach höflichem Gruße, aber ohne ein Wort zu erwidern, griff der ältere der beiden Ankömmlinge in die Brusttasche seines Paletots und überreichte dem Kapitän eine Legitimationskarte.

»Ich stehe zu Diensten, Herr Kommissar,« antwortete dieser nach Einsicht des Papiers, »wen suchen sie an Bord der Vierlanderin?«

»Ich suche einen Mann,« antwortete der Beamte leise, »einen Verbrecher, dessen Signalement soeben von Berlin telegraphisch mitgeteilt wurde. Man vermutet, er habe sich nach Hamburg gewandt, um nach Amerika zu entkommen. Auf seine Verhaftung wird besonderer Wert gelegt, und noch heute soll ein Berliner Geheimpolizist hier eintreffen, dem der Mann persönlich bekannt ist. Der Verbrecher nennt sich Hausmann.«

»Ich finde den Namen Hausmann nicht in meiner Passagierliste,« antwortete der Kapitän, seine Brieftasche durchblätternd. »Es sind allerdings im letzten Augenblicke noch einige Änderungen eingetragen, aber soviel ich weiß, nur den Familienstand, Frauen und Kinder betreffend.«

»Das Signalement bezeichnet einen Mann von dreiundvierzig Jahren mit blondem Vollbarte, etwas hoher Stirn, blauen Augen, gewöhnlicher Nase und von mittlerer Statur.«

»Das paßt auf viele meiner Passagiere,« sagte Herr von Delden lächelnd.

»Ich werde daher genötigt sein, eine Revision der Pässe vorzunehmen,« erklärte der Polizeibeamte. »Mein Begleiter, ein Kriminalschutzmann, wird das Zwischendeck aufsuchen, wo der Vogel wohl schwerlich zu finden sein wird, während ich selbst Sie bitte, mir die Liste der Kajütspassagiere zu überlassen.« »Gern, Herr Kommissar, ich werde Sie auf Ihrem Gange begleiten.«

Das lange Verzeichnis war rasch durchgegangen. Bei der Mehrzahl der Passagiere konnte auf Grund des Signalements von einer Einsicht der Pässe abgesehen werden.

Eben stiegen die beiden Herren die Treppe zu den Gesellschaftsräumen hinab, es standen noch ein paar Namen der Liste aus, und man hoffte, dem Betreffenden dort zu begegnen.

Im Salon der ersten Kajüte befand sich um diese Zeit, neben einigen älteren Damen, die wohl die Morgenluft fürchteten, ein einzelner Herr. Er hatte sich in die Ecke des Diwans gedrückt. Eine fahle Blässe lag auf den tiefernsten traurigen Zügen. Er hielt die Hand eines kaum dem Kindesalter entwachsenen jungen Mädchens umschlossen.

»Ich höre sie kommen,« flüsterte sie jetzt dem Manne zu, »ich flehe dich an, bleibe ruhig sitzen und laß mich für dich antworten! Habe Vertrauen, Vater ...Gott wird mir helfen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und der Kapitän mit seinem Begleiter trat ein. Beim Erblicken des Mannes in der Sofaecke stutzte der Polizeibeamte – der Kranke trug einen Vollbart, wenn auch ausrasiert. Mit höflicher Verbeugung trat er dann heran.

»Ich muß Sie leider mit der Bitte um Ihre Legitimation belästigen, mein Herr, ich bin –«

»Mein Vater ist leidend, mein Herr, aber wenn Sie die Güte haben wollen, mich in unsere Kabine zu begleiten, so werde ich Ihrem Wunsche nachkommen. Bleib ruhig sitzen, Vater, ich werde das mit den Herren erledigen.«

Das Kind hatte mit voller Ruhe und Sicherheit gesprochen und schritt jetzt den Herren voraus der Kabine zu. Bald hatte sie dem Handkoffer ein zusammengefaltetes Papier entnommen und überreichte es dem Beamten.

»Vierzig Jahre, blonder Vollbart, am Kinn ausrasiert, Größe 1,7 Meter.«

»Vierzig Jahre?« fragte er dann halblaut für sich, mit einem Seitenblick auf den Kapitän.

»Nicht wahr?« fiel das Mädchen ein, »man sollte kaum glauben, wie solch eine Krankheit die Züge verändert, aber ich hoffe, daß bei sorgsamer Pflege –«

»Und Sie, mein Fräulein?« wurde sie unterbrochen. »Es ist nichts von Ihnen gesagt in dem Passe!«

»Ich habe mich erst im letzten Augenblicke entschlossen, meinen Vater zu begleiten, erst als sein Leiden meine Gesellschaft während der Reise dringend forderte.«

»Ich danke Ihnen,« entgegnete der Herr, das Papier zurückgebend, nachdem er noch einen prüfenden Blick auf das Mädchen geworfen.

»Der, ist's jedenfalls nicht,« meinte der Kommissar, als er mit dem Kapitän die Kajütentreppe hinaufstieg, »ich sah ihm den Edelmann schon an, ehe ich seinen Paß gelesen, und –«

»Wie könnte auch ein verfolgter Verbrecher eine so reizende Tochter haben?« vervollständigte der Kapitän lachend mit einem verständnisvollen Seitenblick.

»Helfen Sie ihr nur den kranken Vater pflegen, Kapitän,« ging der andere auf den Scherz ein. »Es tut mir übrigens leid, Herr von Delden, daß ich Sie vergebens aufgehalten habe, so – erfolglos!«

»Bitte, ganz im Gegenteile,« antwortete dieser – »behalte meine Passagiere lieber!«

Der Beamte rief, seinen Gehilfen heran und war eben im Begriffe, das Schiff zu verlassen, als noch ein Mann an Bord kam, dessen ganzes Wesen eine lebhafte Erregung zeigte. Mit einer nervösen Hast befahl er das Heraufbringen seiner eleganten Reisekoffer, und während er mit dem Seidentuche den Schweiß von der hohen Stirn wischte, trat er an den Kapitän heran.

»Sie müssen mich unter allen Umständen noch mitnehmen,« sagte er, nach Atem ringend, »durch einen Unglücksfall bin ich aufgehalten und –«

»Unmöglich, mein Herr,« antwortete der Kapitän, »alle Räume des Schiffes sind besetzt und –«

»Es muß sein, Kapitän, man erwartet mich. Der von mir belegte Platz wird doch vorhanden sein, wenn auch mein Fahrschein –«

»Darf ich Sie bitten, mir einen Einblick in Ihre Legitimation zu gestatten, mein Herr? Ich bin Polizeikommissar und mit speziellem Auftrage an Bord dieses Schiffes gekommen!«

Ein jäher Schrecken malte sich auf dem Gesichte des Fremden, als er die übrigens leise gesprochenen Worte des herantretenden Beamten vernahm.

»Mein Gott, das ist es ja gerade,« stieß er hervor, »nicht einmal eine Visitenkarte habe ich –«

»Ist auch überflüssig,« antwortete der Kriminalist, während er den Blick durchbohrend auf sein Gegenüber lichtete. »Sie heißen Hausmann und sind in dieser Nacht von Berlin gekommen.«

»Allerdings, von Berlin kam ich, aber mein Name ist nicht Haus –«

»Natürlich nicht,« unterbrach der Beamte streng. »Das wird sich aber später schon herausstellen; ich ersuche Sie vorläufig, dem Herrn hier unweigerlich auf das Polizeibureau zu folgen!« Er deutete auf den neben ihm stehenden Geheimpolizisten.

»Er hat den Bart frisch ausrasiert und eine gewöhnliche Nase,« flüsterte dieser dem Vorgesetzten zu, worauf ein verständnisvolles Nicken erfolgte.

»Auf das Polizeibureau? Daher komme ich ja eben! Dort habe ich ja die ganze Angelegenheit zu Protokoll gegeben, und das war in Ihrem Hamburg mit so vielen Weitläufigkeiten verbunden, daß ich förmlich habe entwischen müssen, um noch' rechtzeitig hierher zu kommen, und nun –«

»Nun sind Sie doch nicht entwischt, Herr Hausmann! Ich ersuche Sie, Ihre Ansichten über die Hamburger Polizei für sich zu behalten und Weiterungen zu vermeiden. Sie sind verhaftet. Ihre Koffer werden ebenfalls zum Polizeibureau geschafft werden!«

Der Beamte hatte, für die Umstehenden unhörbar und mit den Formen verbindlicher Höflichkeit gesprochen. Nur das sprachlose Staunen, das sich in des Fremden offenem Gesichte, in den fast wasserblauen, klaren Augen ausprägte, ließ erkennen, daß die leisen Worte doch wohl recht bedeutungsvollen Inhaltes waren.

»Aber, mein Herr, ich bin doch kein Verbrecher! Ich verstehe nicht, wie man einen anständigen Menschen, einen Edelmann, einen preußischen Reserveoffizier, hier in Hamburg –«

»Bitte, keine Umstände, – werden schon begreifen lernen,« schnitt jetzt der Kommissar die Rede des Verhafteten in strengem Tone ab.

»Unerhört,« stieß dieser noch hervor, als der Polizist seinen Arm berührte, und fand sich dann in das Unvermeidliche.

»Herr Kommissar,« flüsterte der Kapitän in dessen Ohr, »der Mann sieht doch nicht aus wie ein Verbrecher?«

»Kapitän, darauf verstehen wir uns,« antwortete jener überlegen. »Auf das Aussehen legen wir Kriminalisten gar keinen Wert. Gerade die geübtesten Verbrecher verbergen sich hinter der Maske der Unbefangenheit, und die Frechheit, mit der er über unsere Behörde – doch adieu und gute Fahrt!«

Kaum hatten die drei das Schiff verlassen, als auf einen kurzen Befehl die haltenden Trossen fielen. Der Propeller begann mit Brausen seine raschen Umdrehungen, das Wasser mächtig aufwühlend, am Vortopp stiegen drei kleine bunte Wimpel empor, – ein Signal für die Reederei – und majestätisch glitt die Vierlanderin die Elbe hinab.

Unter den Passagieren aber herrschten noch lange die lebhaftesten Diskussionen über die Verhaftung.

»Unzweifelhaft galt allein dem Manne die ungewöhnliche Paßrevision! Ein wahres Glück, daß wir den nicht an Bord behielten,« meinte eine junge Dame, »der hätte gewiß unterwegs noch gemordet!«

»Oder noch Schlimmeres,« fügte eine ältliche Schöne hinzu, die mageren Hände wie zur Abwehr ausstreckend. »Er sah aber doch vornehm aus und hatte ein so gutes, ehrliches Gesicht,« äußerte eine dritte.

»Das ist es ja gerade! Solche Gesichter machen sie immer! Ich habe aber gleich gesehen, daß so etwas – so hyänenhaftes in seinen Augen lag.«

Es stand bald fest, daß man einem der gefährlichsten Verbrecher des Kontinents nur durch einen glücklichen Zufall entgangen war, und diese furchtbare Tatsache fand, bei empfindsamen Seelen so lebhaften Ausdruck in Worten und Gesten, daß darüber all die herrlichen, sonnenbeleuchteten Landschaftsbilder der Unterelbe fast ungesehen vorüber glitten. Eine wahrhaft rauschende Konversation herrschte auf dem Achterdeck.

Im unteren Salon war um diese Zeit nur ein Paar zurückgeblieben: der Mann mit dem schwermütig leidenden Ausdrucke und seine Tochter. Auch diese war oben gewesen während der Verhaftungsszene, niemand hatte sie beachtet, niemand bemerkt, wie ihr flehender Blick vergebens die Augen des Fremden suchte, niemand gewahrt, wie sie die Hände krampfhaft, verzweiflungsvoll auf ihr Herz drückte, als die Rechte des Polizisten sich auf dessen Arm legte – auf den Arm des Verhafteten. Sie war dann geflohen, hinab geflohen vor den eigenen Gefühlen, vor einer unsagbar schrecklichen, inneren Unsicherheit, und dasselbe Mädchen, das noch vor kurzem so energisch, so bestimmt aufgetreten war – als Vertreterin des leidenden Vaters – es hatte jetzt den Kopf an dessen Brust geschmiegt in stillem Weinen.

»Die Schrecken und Sorgen der letzten Tage haben dich mitgenommen, mein liebes, tapferes Kind,« sagte der Mann mit weicher tiefer Stimme, während seine Hand zärtlich über das dichte dunkle Haar der Tochter glitt. »Wie soll ich dir danken für deinen Mut, deine Entschlossenheit? Ohne dich würden die schweren Eisenriegel mich jetzt absperren von der Freiheit, ohne die ich sterben muß – und von dir, du mein einziges Glück! Hättest du nicht gehandelt, ich wäre vor die hingetreten, die mich verfolgen wie einen Verworfenen, und hätte ihnen gesagt: Kerkert mich ein, wenn ihr mir beweist, daß auch nur ein Schatten von Selbstsucht meine Handlungen leitete! Die Menschenliebe ist's, für die ich leiden muß – nehmt mich als Opfer!«

Das Mädchen hob den Kopf jetzt von des Vaters Brust. Sie sah hinauf aus den tiefblauen glänzenden Augen in dessen Antlitz, sah die Begeisterung aus seinem eben noch so starren, trüben Blicke strahlen, und mit einem Lächeln durch Tränen sagte sie:

»Du lieber edelherziger Mann, du! Wer würde dich verstehen? Nicht einmal jene, für die du deine ganze Kraft, deine Arbeit einsetzest! Hast du anderes geerntet von ihnen wie Undank? Nein, deine Freiheit sollst du nicht auch noch opfern, – nur im besten Glauben und in der reinsten Absicht hast du das Gesetz verletzt. Der Weg ging fehl!«

»Ja – der Weg!« wiederholte er leise, und seine Augen nahmen wieder den starren Ausdruck an. Seine Gedanken schweiften wohl zurück in die Vergangenheit. »Du magst recht haben, mein Kind, ich habe den Weg verfehlt, habe am Gesetze gerüttelt, das Fundament untergraben, auf dem ich selbst bauen wollte, den großen Neubau sozialer Ordnung!« Er drückte die Tochter zärtlich an sich. »Du, Mally, hast die strafende Hand von mir abgelenkt, die Hand, die sich eben noch drohend nach mir ausstreckte. Aber wie hast du's gemacht, mein Kind, wie gelang es dir, den Mann zu täuschen?«

»Laß mir mein Geheimnis, Vater. Der Zufall – oder war's Gottes Wille? hat mir geholfen!«

»Du sagst das zögernd, unsicher, Mally! Ich hoffe nicht, daß du ein Unrecht auf deine Seele ludest.«

Fast angstvoll klang die Frage des Mannes.

»Was ich tat, ich tat's für dich – für meinen Vater, tat es in der Erinnerung an meine Mutter. Kann's da ein Unrecht sein? Weißt du noch, was der sterbenden Mutter Mund mir zuflüsterte? ›Sei deines Vaters Stütze, wenn ich nicht mehr bin, er bedarf deiner!‹ Sie ahnte wohl schon ihr frühes Ende, als sie mich lehrte, selbständig zu denken und entschlossen zu handeln – schon als Kind.«

»Des Kindes Entschlossenheit und Mut retteten die Freiheit, die Ehre des Vaters – des überspannten Toren, wie ihn gerade die nannten, denen er seine Stellung geopfert.«

»Nicht traurig, mein Väterchen!« sagte sie, als sie seine Augen feucht werden sah, »wenn wir erst drüben sind, dann ist das Vergangene abgetan. Was du begingst, es reicht nicht über die Grenzpfähle hinaus. Aber ich höre kommen! Du solltest etwas ruhen, du bist doch recht angegriffen!«

»Ja, ja, du hast recht, ich werde ruhen, zum ersten Male im Gefühle der Sicherheit, seit ich mich hinreißen ließ –«

Er sah sich scheu um, ob auch niemand der eben Eintretenden seine Worte gehört habe.

Mally geleitete den Vater zu dessen Kabine, bereitete ihm mit kindlicher Sorgfalt das Lager und beobachtete dann mit innig glücklichem Ausdrucke, wie er die müden Augen schloß zu ruhigem Schlummer.

»Armer, lieber Vater,« hauchte sie leise. »Nein, es war keine Sünde, was ich für dich tat! Du, im dunklen Kerker, – Vater, ich mag's nicht denken!«


Eine Viertelstunde später – Kuxhafen war bereits passiert und Neuwerk – stand Mally, an die Reling gelehnt, am Stern des Dampfers. Ihr Blick war nach rückwärts gerichtet auf die Küste, deren Umrisse nach und nach in einem blauen Streifen verschwammen, auf die endlos gerade Linie des im Sonnenscheine glitzernden Kielwassers. Ihre Augen gewahrten den dunklen, kleinen Punkt, der sich aus den leicht bewegten Fluten emporhob. »Helgoland«, hörte sie rufen, aber ihre Gedanken waren weit, weit entfernt von dem, was die Sinne vernahmen. Die flogen zurück nach Hamburg, eilten voraus nach dem neuen Weltteile, dem sie zufuhr. Was mochte nur dem lieben Mädchenantlitze den angstvoll traurigen Ausdruck verleihen? Das sagte sich wohl auch Kapitän von Delden, als er jetzt herantrat.

»So ernst, mein Fräulein?« fragte der schon ältere Mann freundlich, »woran dachten Sie denn so eifrig?«

Sie erschrak bei der Anrede.

»Ich dachte – ach – Herr Kapitän, wenn der Mann, den die Polizei in Hamburg verhaftete, auf dem Schiffe entkommen wäre, hätte ihn dann bei der Landung in Neuyork nicht schon die Polizei arretieren können?«

»Das hängt vom Vergehen ab. War es politischer Art, dann würden die Staatsverträge keine Verfolgung zulassen, lag aber zum Beispiel ein gemeines Verbrechen vor, Mord oder auch nur ein schwerer Diebstahl, dann konnte immerhin die Verhaftung telegraphisch veranlaßt werden. Aber Sie können sich beruhigen, mein kleines Fräulein,« fügte er lächelnd hinzu, »der Mann war weder ein Mörder noch ein Dieb, ich verstehe mich darauf.« Er nickte dem Mädchen im Fortgehen freundlich zu. »Martert so ein halbwüchsiges Ding ihre Phantasie mit Kombinationen!« sagte er dann leise.

Das Kind aber rang die Hände, Schrecken malte sich in ihren Zügen. »Gemeines Verbrechen – Verhaftung,« kam es über ihre Lippen. »Wenn er verriete – telegraphierte! O mein Gott – und was wird dann aus ihm – meinem Vater?« Die Vierlanderin hatte, vom herrlichsten klaren Wetter begünstigt, die Nordsee und den Kanal durchlaufen. Unter den Passagieren hatte sich bereits jener zwanglose Verkehr herangebildet, der die Eintönigkeit einer längeren Seereise überwinden hilft. Auf dem Achter- und Promenadendeck herrschte eine heitere Stimmung. Noch hatte ja die Seekrankheit die Zahl der Stimmungsfähigen nicht gelichtet.

Es war gegen Abend, die Sonne stand schon tief. Vor einer halben Stunde waren im Nordosten die bläulichen Streifen am Horizonte verschwunden, die von den Seeleuten für die Küste von Cornwalls und Landsend erklärt wurden, und noch richteten sich die Gläser vieler Reisenden dahin, wo die Scillyinseln in Sicht sein sollten. Andere, die nicht nach dem Lande spähten, hatten sich in bequemen Bordstühlen unter dem Windschutze der Reling ausgestreckt, oder sie marschierten mit raschen Schritten und meist zu zweien die kurze Deckpromenade unermüdlich auf und ab, Steuerbord hin, Backbord zurück.

Weit abgesondert von allen übrigen, ganz nahe am Großmast, hatte Mally mit ihrem Vater sich niedergelassen. Sie wußte nicht, wie man sie beobachtete, bewunderte in ihrer kindlichen Sorge. Mit heiterem Lächeln begegnete sie stets dem trüben Blicke des kranken Mannes. Und doch trug ihr Kindergesicht einen fast scheuen Ausdruck, wenn sie nicht um ihn war.

»Es wird kühl, Vater,« sagte sie eben und legte das Plaid, welches sie bislang selbst benützt hatte, über dessen Füße, »die meisten Passagiere verlassen das Deck, willst du nicht auch hinab gehen in den Salon?«

»Noch nicht, mein Kind! Mir graut vor der Gesellschaft, es ist, als ob ein Fluch auf mir laste! Und doch kann ich auch nicht allem sein – in meiner Kabine.«

»Vater, ich bin doch bei dir, werde dich niemals verlassen!«

»Gebunden an ein verfehltes Leben, – um deine Jugend gebracht, – der Sorge preisgegeben, – heimatlos!«

»Nicht so, Vater! Wir werden zusammen glücklich sein! Du wirst das Geschehene, das Vergangene vergessen. Schnell wirft du durch deine Kenntnisse eine neue Berufsstellung finden. O, ich sehe dich wieder wie einst hinter deinen großen Bauplänen mit Zirkel und Lineal, und zuerst – nicht wahr? zuerst baust du ein schönes, großes Haus für uns, eine neue Heimat!«

Mit vertrauensvollem Lächeln wartete sie auf seine Antwort. Des Mannes Ausdruck verfinsterte sich aber noch mehr, und fast tonlos antwortete er:

»Um eine neue Heimat zu gründen, genügen nicht der gute Wille und mein bißchen Kenntnisse. Du weißt, ich habe mein Haus nicht mehr betreten, seit es von Schutzleuten bewacht war. Mein gesamtes Vermögen blieb dort zurück im feuerfesten Schranke, wird konfisziert werden. Ich bin ja ein Verfolgter, ein Verbrecher – vogelfrei!«

Sie beugte sich rasch nieder und küßte ihn auf den Mund. »Der beste Mann von der Welt bist du! Und nun will ich dir auch schon heute gestehen, daß – aber nicht böse sein?!«

»Nun was denn?«

»Daß ich etwas für dich rettete! Rate, was?«

»Du?«

»Ja, Vater! Sieh, wie gut es war, daß du mich selbst gelehrt hattest, wie die Scheibchen deines Tresors auf T. W. gestellt werden müßten, um ihn aufschließen zu können. Auch kannte ich ja den Mechanismus des Schlüsselschrankes. Als nun dein Bote mir die Nachricht brachte, daß du verfolgt würdest und wo du verborgen seiest, – als ich unser Haus von Polizei besetzt sah, da dachte ich mir schon, daß wir wohl Berlin verlassen müßten, packte sofort die nötigsten Sachen für dich und mich und nahm aus dem Schranke die Wertpapiere. Hier liegen sie, auf meiner Brust, der Rest im Koffer. Ich wollte dich erst in Neuyork damit überraschen, aber so ist's auch gut, denn ich sehe wieder einmal ein freundliches Lächeln auf deinem lieben Gesichte!«

»Mein guter Stern, meine kluge, kleine Tochter!« rief er aus und schloß sie in die Arme. » Sieh, nun ist mir die größte Sorge genommen, die Sorge um dich!«

»Um mich? Ich soll ja für dich sorgen! Hat's nicht die liebe Mutter so gewollt?«

Es war fast dunkel geworden. Ein schneidender Wind machte sich auf und mahnte zum Aufbruche. »Mein guter Stern!« wiederholte der Vater und strich über der Tochter Haar, »ja wenn ich dich nicht hätte!«

Als er ihr dann voranschritt, so viel aufgerichteter und kräftiger wie seit langen Tagen, da murmelte sie leise:

»Nein, es war doch keine Sünde, was ich beging, auch vor Gott nicht!«


Nacht lag über dem Ozean, dunkle Nacht. Schon seit geraumer Zeit herrschte tiefe Ruhe unter dem Deck der Vierlanderin. Nur noch das Weinen eines Kindes drang hie und da aus einer Kabine oder das Ächzen der Unglücklichen, die von der Seekrankheit ergriffen waren. Rücksichtslos forderte dieser böse Feind seine Opfer an Bord des Dampfers, seit eine frische Nordwestbrise das Meer aufwühlte und die spritzenden Schaumköpfe der Seen über den scharfen Bug jagte.

Den ruhigen, geordneten Gang des Seedienstes auf dem Deck störte das freilich nicht. Regelmäßig meldeten die Posten die Zeiten, und sorgsam richtete sich der Blick der Leute am Steuerruder auf die hellbeleuchtete Scheibe des Kompasses, den befohlenen Kurs durch kurze Drehung des Rades einhaltend und regelnd. Die Positionslaternen warfen ihren roten und grünen Schein hinaus über das krause Salzwasser, und drunten im taghellen Räume arbeiteten die mächtigen Kurbeln der Compoundmaschine in fast geräuschlosen Bewegungen.

Auf der Kommandobrücke, an das Kartenhäuschen gelehnt, stand der erste Offizier, das Auge vorwärts gerichtet über den Bug des mächtigen Schiffes hinaus. Ab und an hob er das scharfe Nachtglas an die Augen, wenn er fern über dem schwarzen Meere ein Licht zu erkennen glaubte. Zum ersten Male seit der Abreise von Hamburg gönnte Kapitän von Delden sich ein paar Stunden der Nachtruhe, lief doch das Schiff unter sicherer Leitung des erfahrenen Offiziers.

Noch vor dem Eintritte der Nacht hatte dieser seine Runde durch alle Räume der Vierlanderin gemacht und dann, als der Wind immer mehr auffrischte, Stag- und Besansegel besetzen lassen, um die schlingernde Bewegung des Dampfers zu mildern.

In langen, regelmäßigen Zwischenräumen wurde das Schiff von den Seen gehoben, glitt dann wieder hinab in ein Wellental, und ein Zittern ging durch den eisernen Koloß, wenn einmal die Schraube hohl lief oder der Bug hinab schlug in das salzige Element.

Von Zeit zu Zeit entstieg den mächtigen Schloten ein Funkenregen, weit fortgetragen, und in immer neuen Dissonanzen tönte das Pfeifen des Windes im Takelwerke, einmal leise, als ob er müde geworden, dann mit neuer Kraft einsetzend. Mit acht Schlägen verkündete die Schiffsglocke, daß acht Glas – Mitternacht, – und die Posten sangen durch die Nacht in langgezogenen Tönen ihr »Alles wohl«.

»Sechzehn Knoten,« meldete eben der Bootsmann, der die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes »geloggt« hatte, und der Offizier trat in das Kartenhäuschen, um mit Zirkel und Lineal den Punkt einzutragen, auf welchem die Vierlanderin augenblicklich nach Kurs und Fahrt sich befinden mußte.

Er hatte diese Arbeit noch nicht beendet, als seine Aufmerksamkeit plötzlich von anderer Seite in Anspruch genommen wurde.

»Was war das?« fragte er den Bootsmann, auf ein dumpfes Geschrei hindeutend, welches aus dem Zwischendeck herauftönte.

Sie waren auf die Kommandobrücke zurückgetreten. Wieder ertönte das Rufen.

»Wird ein Zwischendeckspassagier sein, Herr Leutnant, der das Delirium hat und sich unnütz macht, werde ihm die Zwangsjacke anlegen,« meinte der alte Seemann.

Aber noch hatte er nicht die Treppe erreicht, als ein wildes Geschrei vieler Stimmen aus den Niedergängen und Luken des Schiffes hervordrang.

»Feuer im Schiff,« hallte der Ruf des Postens auf der Back über das Deck, und »Feuer« – »Feuer im Zwischendeck,« pflanzte sich die Schreckenskunde mit Windeseile fort.

»Alle Mann auf!« kommandierte der Offizier und stürzte dann hinab zum Herde des Feuers.

»Zum Kapitän,« rief er dem Bootsmann zu, doch schon trat dieser auf die Brücke.

»Halb Dampf, klar bei den Dampfspritzen,« kommandierte er hinab in den Maschinenraum. Mit ungeheurer Geschwindigkeit waren die Matrosen auf den Plätzen, die ihnen die Feuerlöschrollen vorschrieben.

Die langen Schläuche waren angeschraubt, und allen voran eilte der Kapitän hinab zu dem gefährdeten Räume. Aber mit wahnsinniger Gewalt stemmte die kopflose Masse der Passagiere sich ihm entgegen.

»Die Treppe frei, zum nächsten Ausgange,« donnerte er den Drängenden zu. Doch schon war der Zugang fest verstopft durch die Niedergetretenen, das Jammergeschrei der Verwundeten erfüllte den Raum, und von Sekunde zu Sekunde wurde der empordringende Dampf dichter.

»Wasser, bald Wasser!« tönte jetzt die mächtige Stimme des ersten Offiziers von unten herauf, »noch ist das Feuer auf die vorderste Abteilung des Zwischendecks beschränkt! Aber Eile!«

»Richtet die Mundstücke auf die Treppe, es muß sein!« befahl jetzt der Kapitän, und im Nu ergoß sich der Wasserstrom über die gedrängte Horde. Ein infernales Gebrüll erfolgte, dann lockerte sich der Knäuel, ein Teil flutete vorwärts, andere stürzten zurück zum nächsten Aufgange, und eine Minute später drangen die braven Matrosen vorwärts über die Leichen, – durch den erstickenden Dampf.

Aber eine Unendlichkeit bedeutet eine verlorene Minute, wo des Feuers Gewalt gedämpft werden soll. Mit Heldenmut arbeiteten die Mannschaften, von ihrem tapfern Kapitän kommandiert. Vergebens suchten sie den eigentlichen Herd zu erreichen. Immer furchtbarer wurde der erstickende Dampf, immer weiter verbreiteten sich die Flammen, drängten die Löschmannschaften zurück.

»Schotten und Luken schließen,« kommandierte jetzt der Kapitän, und in wenigen Sekunden war der vom Feuer ergriffene Raum abgeschlossen, unaufhörlich ergoß sich der Wasserstrom in die vernichtende Glut. Furchtbarer Qualm drang aus allen Öffnungen. Dennoch hoffte man, des Feuers Herr zu werden, nachdem die Luft entzogen.

Da brachen prasselnd die Flammen durch das Oberdeck. Vom Winde gepeitscht, mit entsetzlicher Schnelligkeit breitete sich das verheerende Element aus, emporklimmend an geteertem Gute, an Wanten und Pardunen. Ein ungeheurer Funkenregen übersäte das Meer, als das Stagsegel hinweggefegt wurde, und schon ergriffen die Gluten die festgemachten Obersegel und Stengen.

Dennoch wurde der Versuch, das Feuer auf den vorderen Schottabschnitt zu beschränken, nicht aufgegeben. Der Kapitän hatte das Schiff vor den Wind gelegt, um die Ausbreitung nach achtern zu verhindern, und schon war es gelungen, durch ununterbrochene Arbeit der Spritzen auf dem Oberdeck eine Grenze zu legen, als mit einem Schlage alle Hoffnung auf Erhaltung des Schiffes ein Ende nahm. Atemlos, rauchgeschwärzt stürzte der erste Maschinist herbei.

»Feuer in den Kohlenbunkern! Die Schotten sind durchbrochen! Proviant und Segellast sind bereits in Flammen, die Kessel sind in Gefahr.«

So lautete die Schreckensmeldung.

»Vorbei!« kam es von des Kapitäns Lippen. Doch nur einen Augenblick war er unschlüssig, ließ sich von der furchtbaren Gewißheit übermannen.

»Es muß sein,« sagte er dann, warf einen kurzen Blick über das vom Feuerschein beleuchtete, brausende Meer, und laut und sicher tönte sein Kommando: »Alle Boote klar zum Fieren!«

Mit gewohnter seemännischer Disziplin wurden die kurzen Befehle ausgeführt. Schon standen die Matrosen an den Taljen bereit, und noch wäre genügende Zeit gewesen, alle, bis auf die wenigen, die im Feuer und Gedränge umkamen, in den Booten zu retten. In dem Augenblicke aber, als von der Menge diese Absicht erkannt wurde, entstand ein sinn- und gedankenloses Gedränge. Unter fanatischem Gebrüll stürzte sich die Horde auf die Boote, unbekümmert um die Faustschläge, mit denen die Matrosen sie zurückzuhalten suchte. Rücksichtslos wurde der Schwächere beiseite gestoßen, wo der Stärkere einen Vorteil erblickte.

Es war ein Ringen aller gegen alle – um die Selbsterhaltung. Jeder wußte jetzt, daß nur eine Wahl blieb – Tod in den Flammen oder Kampf mit den Wellen.

Durch den unerhörten Zudrang war bereits ein völlig beladenes Fahrzeug zum Kentern gebracht, vierzig Personen waren in den dunklen Fluten versunken, ihr Todesschrei verhallte im Brausen des Meeres, niemand konnte ihnen helfen. Es waren noch viele zu retten, und unheimlich griffen die Flammen um sich. Der Energie des Kapitäns, seiner Offiziere und Matrosen gelang es endlich, eine oberflächliche Ordnung herzustellen und Gehorsam zu erzwingen. Boot auf Boot wurde beladen und mit den erforderlichen Seeleuten bemannt. Jetzt waren auch die beiden größeren Kutter zu Wasser und rangen mit der hochgehenden See um das Leben von nahe an hundert Menschen.

»Nur ,Jolle' und ,Gig' sind noch zur Verfügung!« rief eben der brave erste Offizier dem Kapitän zu, als er bemerkte, wie dieser Rundschau hielt.

»Gottlob! alle kommen unter!« lautete die Antwort. »Zuerst die Jolle und zuletzt die Gig.« Unter den wenigen Passagieren, die übrig geblieben, befanden sich auch Mally und ihr Vater. Arm in Arm hatten sie gewartet, bis auch an sie die Reihe kommen würde, und jetzt klang es wie ein Erlösungsruf aus der Tochter Munde:

»Sieh mein Vater, Gott ist uns gnädig, wir wollten zusammen sterben, und nun dürfen wir vielleicht zusammen leben.«

»Vorwärts,« mahnte jetzt der Ruf Deldens. Er selbst hielt des Mädchens Hand, als sie das Fallreep hinabstieg, ihrem Vater folgend. Kaum hatte sie den Fuß in das von Wellen unaufhörlich hin und her geworfene Fahrzeug gesetzt, als der Ruf »Achtung, die See!« die Matrosen auf eine eben heranrollende Welle aufmerksam machte. Sofort versuchten die erfahrenen Seeleute, vom Schiffe frei zu kommen und sich mit dem Bug dem Winde entgegen zu legen. Aber schon war es zu spät. Meterhoch wurde die Jolle emporgehoben, und in demselben Augenblicke, wo ihre Spanten und Planken unter dem furchtbaren Drucke an der Bordwand des Schiffes krachend zusammenbrachen, überstürzte sich der schäumende Kopf der Welle und zog das winzige Fahrzeug hinab in den schäumenden Gischt.

Nur Sekunden waren vergangen über das Entsetzliche. Nur ein angstvoller Ruf wurde gehört aus der dunklen Tiefe, – der Ruf um Hilfe, – dann nur noch das Knattern und Prasseln des Feuers da oben und das Brausen des Meeres.

Das letzte Boot – die winzige Gig, setzte eben ab vom brennenden Schiffe. Die letzten Lebenden haben Zuflucht gesucht in dem engen, schmalen Fahrzeuge – dem Tode zu entfliehen, dem Tode, der reiche Ernte hielt – oben in den Gluten, unten im schäumenden Meere. Verloren alle, die mit der zerschellten Jolle hinabsanken – alle!

Alle? Tauchte es nicht empor – dicht am Fallreep? Ein Funkenschwarm weht eben über Bord und beleuchtet matt einen Mann, einen Matrosen. Er hat die Stufen mühsam erreicht, eine schwere Last muß ihn hemmen. Ein neuer Lichtschein ergießt sich über die Szene. Deutlich sieht man den Mann. Er hat sich aufgerichtet, sein starker Arm umspannt eine Gestalt, ein lebloses Mädchen.

»Boot ahoi,« tönte es jetzt mächtig durch das Rauschen und Klatschen der Flut. Des Mannes scharfes Auge hat die Gig erkannt. »Boot ahoi,« ruft er wieder. Man hört ihn, die Gig wendet. »Hier am Fallreep!« ruft er nun. Wieder steigt eine Feuergarbe auf, lichtbringend. Dicht an der Treppe schießt das Boot vorüber. »Gebt Achtung, eine Gerettete!« ruft der Matrose entgegen, und schon haben die kräftigen Hände das zarte Mädchen ergriffen, hineingehoben. Der brave Matrose ist nachgesprungen auf die rettenden Planken. Die Riemen werden angezogen, und leicht hebt sich das schmale Fahrzeug über die Seen, gleitet durch die Täler, vom Feuerschein beleuchtet.

Zitternd beleuchten die Strahlen auch ein totenblasses Mädchenantlitz.

Immer weiter ist drüben an Bord die zerstörende Kraft fortgeschritten. Schon beginnt auch der Kreuzmast zu brennen.

»Mein Gott, ein Mensch! Auf dem Schiffe!« – »Wer ist's?« so geht es jetzt von Mund zu Mund in der Gig. Deutlich erkennt man die Gestalt eines Mannes.

Und dann – ein Schreckensruf aus den Kehlen der Seeleute! Riesige weiße Dampfwolken, grausig von den Flammen erhellt, steigen hoch zum Himmel empor, brennende Trümmer mit sich reißend, ein dumpfer Donnerhall rollt über das Meer, wie bei fernem Gewitter!

»Delden,« murmelt der Offizier am Ruder, »er hat Wort gehalten, als er uns einst sagte: ,Der Kapitän geht unter mit seinem Schiffe'. Gott nehme die Seele unseres Kapitäns gnädig auf!« Es war wie ein stilles Gebet, was der Offizier sagte.– – –

Langsam erloschen die Flammen an Bord der Vierlanderin, tiefer und tiefer sank der Rumpf.

»Die explodierenden Kessel müssen die Eisenhaut gesprengt haben,« meinten die Matrosen.

Dann wurde es ganz dunkel, Nacht ringsum.

Noch arbeitete das Meer in mächtiger Dünung, noch hatten zwei Matrosen ununterbrochen mit Ausschöpfen des Spritzwassers aus der zierlichen Gig zu schaffen. Aber der Wind hatte nachgelassen. Im Osten zeigte sich ein heller Streifen über dem Meere. Langsam trat die Sonne golden hervor hinter der Kimmung und sandte ihre Strahlen über den Ozean. Nichts kennzeichnete den Ort, wo gestern ein stolzes Schiff gesunken, wo so viele nach verzweiflungsvollem Todesringen ihr feuchtes Grab gefunden. Nirgends eine Spur von den Booten und auch nirgends ein Segel, – der Rauch eines Schlotes, Rettung verheißend! Auf weitem Meere – verlassen – schwamm das winzige Fahrzeug mit den neun Männern. Zwischen ihnen das Mädchen – die Waise.

»Vater, wo ist mein Vater?« fragte sie, aus langer Ohnmacht erwachend, und das stumme Schweigen rings war ihr eine schreckliche Antwort.

»Allmächtiger Gott, laß mich, zu ihm!« schrie sie auf im ersten heftigen Paroxismus des Schmerzes; »ich war's, die unrecht tat, nicht er!« Sie versuchte dann hinauszuspringen, aber starke Hände hielten sie. Seit jenem Augenblicke kam keine Klage über ihre Lippen, keine Träne gab ihr Linderung, und doch hatte sie alles verloren.

Zwölf lange, bange Stunden waren seitdem verflossen. Schon stand die Sonne bedenklich tief, und ohne Kompaß mußte bald jede Orientierung aufhören. In dumpfem Schweigen verharrte die Gesellschaft, ja, einzelne der Männer hatten Schlaf gefunden nach den übermenschlichen Anstrengungen. Schon frühmorgens hatte der Offizier die Bootsegel setzen lassen, um der französischen Küste näher und in den Kurs der großen Seestraßen zu kommen. Einmal nur im Laufe des Tages erwachte die Hoffnung auf Rettung lebhafter, als auf wenige Seemeilen eine Bark vorübersegelte. So nahe kam das mächtige Schiff, daß die Matrosen in den Wanten gesehen wurden, und dennoch hatte wohl niemand das winzige Segel zwischen den Wellen der Dünung erkannt. Sie segelte weiter unter vollem Zeuge, war bald verschwunden hinter dem Horizonte. Oft sah man dann den Rauch von Dampfern, aber viele Meilen lagen zwischen ihnen und der Gig.

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  • Hinzugefügt am 08. Feb 2014 - 20:12 Uhr

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dampfer, aktiengesellschaft, brusttasche, kapitän, geste

Einsteller: sophie-clark

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1 Kommentar

  1. sophie-clark

    Abenteuer

    26. Mär 2017 - 08:10 Uhr

 

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